1. Etappe: Norwegen – Going West (Tag 6 und 7)

Harpefoss und Trollstigen

So much nature…!

Müde von den sportlichen letzten Tagen freuen wir uns richtig darauf, erstmal drei Stunden nur im Wohnmobil zu fahren. Denn das nächste Ziel heißt Trollstigen und ist 210 Kilometer von unserem jetzigen Standort, dem Peer-Gynt-Vegen, entfernt. Den ersten Teil der Strecke legen wir noch am Abend nach der Montainbike-Tour zurück. Erneut macht sich der aufmerksame Blick in den Reiseführer bezahlt, denn sonst hätten wir den Harpefoss, einen wunderschönen Canyon, vermutlich nicht gefunden.

Canyon Harpefoss

Zwar führt die Brücke für Fahrzeuge direkt darüber, allerdings ist diese so schmal und kurz, dass man schon anhalten muss, um die Naturschönheit wirklich wahrnehmen zu können.

Am späten Nachmittag kommen wir am Trollstigen an. Der Reiseführer beschreibt die Passstraße als „für Wohnmobile besonders abenteuerlich“. Zugegeben, die Straße ist relativ schmal, und an der Seite sollte man besser nicht nach unten sehen, da man sonst in den offenen Abgrund blickt… Aber mit der entsprechenden Ruhe des Fahrers und dem ersten Gang des Wohnmobils kein Ding der Unmöglichkeit!

Laut Wikipedia-Eintrag ist der Trollstigen eine der bekanntesten Touristen-Strecken, und der Eintrag sollte Recht behalten. Als wir auf dem Parkplatz Plattform ankommen sind wir bei weitem nicht allein: Reisebusse, Autos und Wohnmobile mit den unterschiedlichsten Länderkennzeichen sind auch jetzt am Ende der Hauptsaison noch zahlreich anwesend. Wir ergattern uns trotzdem einen Platz auf der Aussichtsplattform zum Fotos machen. Die ist zum Glück groß genug, dass alle Touristen Platz finden. Und es lohnt sich! Wirklich!

Links und rechts erheben sich mächtige Berge aus dem Boden, das Grün der Pflanzen krabbelt den Berg hinauf bis es irgendwann aufgibt und nur noch grauer Fels sich gen Himmel streckt. Mitten durch die Berge sprudeln fröhliche Wasserfälle hindurch während die Sonne langsam am Horizont verschwindet…

Ausblick Trollstigen

Auf der Aussichtsplattform kommen wir zufällig mit einer englisch-sprechenden Touristenführerin ins Gespräch. Weil ich vom Trollstigen so begeistert bin fragen wir sie, ob sie uns nicht eine Wanderung hier empfehlen könnte. Sie bejaht und fügt hinzu, dass sie diese Route zwar selbst noch nie gewandert sei, jedoch schon viel schönes darüber gehört habe. Der Weg entspräche allerdings nach deutschen Kriterien dem höchsten Schwierigkeitsgrad der Wanderwege, zudem sei der Weg sei teilweise etwas „scrambled“.

Scrambled? Ich kannte bis dato nur scrambled eggs. Was morgendlich serviertes Rührei mit einem Wanderweg zu tun haben sollte war mir schleierhaft.

Nichtsdestotrotz – wir entschließen uns dazu, die Wanderung am nächsten Tag zu machen. Schwierigster Grad der Wanderwege, pah! Sind doch nur läppische 5,4 Kilometer, so schwierig kann das doch nicht werden! Das kann man auch Nachmittags noch kurz laufen. Und so kommt es, dass wir unsere Wanderung erst um kurz vor 4 Uhr nachmittags beginnen.

Nach den ersten Metern über unwegsames Gelände stehen wir plötzlich – nahezu – vor dem Nichts. Steil nach unten abfallender Fels, aber immerhin eine Kette an der anderen Seite, damit man wieder ansatzweise ein Gefühl von Sicherheit bekommt.

Ohje, denke ich. Wenn das schon so losgeht, das kann ja was werden. Ich ahne schnell, wie sehr ich damit Recht behalten sollte.

Im nachfolgenden Bild seht ihr den Weg, den wir gewandert sind:

Wie, man sieht den Weg nicht? Ich steh doch mitten drauf! Zugegeben, der Weg ist als solcher nicht erkennbar. Anders gesagt: Gar nicht vorhanden. Der Weg – sagen wir lieber die Route, oder noch besser die Fährte – führt uns mitten übers Geröll. Markiert wird die Tour durch rot angemalte Steine. Wir bewegen uns über so wackeligen Fels und Gestein, dass man nicht mehr von wandern sprechen kann, sondern von klettern sprechen MUSS. Wie sagt man so schön – am Ende der Komfortzone beginnt das Abenteuer. Man klettert also die wellenförmigen Anhöhen Stück für Stück hinauf, jedes Mal mit dem Gedanken im Kopf „Das ist bestimmt der letzte Hügel, dann ist es geschafft“ – und dann kommt der nächste Hügel.

Höhenmeter für Höhenmeter verändert sich die Landschaft. Was für ein Anblick! Nicht nur für Geologen muss dieses Meer aus Steinen ein Paradies sein. Irgendwann, bei circa 600 Höhenmetern über unserem Wander-Startpunkt liegt dann plötzlich Schnee neben uns! Die roten Steine, die die Route markieren gehen auf der anderen Seite weiter. „Ich soll über den Schnee drüber? Im Ernst?! Was wenn ich ausrutsche oder einbreche und mir den Fuß inmitten der Felsen verrenke??“ Zum Glück erweisen sich alle meine Ängste als unbegründet. Spätestens jetzt habe ich das Gefühl, wie einst die Wikinger auf einem ihrer Feldzüge unterwegs zu sein. Gut, abgesehen vielleicht von der Funktionskeidung, die ich anhabe.

Auf etwa 1300 Höhenmetern zeigt sich uns eine Umgebung in arktischer Schönheit. Türkisblau schimmernde Seen inmitten von eisiger Landschaft, tief hängende Wolken, starker Wind und Nieselregen – und dazwischen wir, im Nirgendwo. All dies wirkt so surreal und ist gleichzeitig einfach unbeschreiblich schön.

Weiter, noch ein Kilometer bis zum Aussichtspunkt Trollveggen… Jetzt noch 500 Meter! Und trotzdem beschließen wir umzudrehen. So kurz vor dem Ziel? Ja, denn es ist bereits 19:30 Uhr, wir hatten also für den Aufstieg über dreieinhalb Stunden gebraucht. Der Abstieg würde kaum schneller gehen und die Vorstellung, im Stockdunkeln über wackelige und mittlerweile durch den Nieselregen auch rutschige Felsen hinab zu klettern… Lieber nicht daran denken.

Wichtel beschützt uns auf der Wanderung
Blumen! Aus dem nackten Fels heraus, mitten im Schnee.

Es wird zunehmend dunkler und wir haben immer noch ein ziemliches Stück Rückweg vor uns. Die letzten Bananen und Nüsse sind aufgefuttert und Harry beginnt, von herzhaften Essen zu schwärmen („Spätzle! Schnitzel! Mit so richtig viel Soße!“). Meine Kraft und Konzentration hatten schon vor einer ganzen Weile nachgelassen.

21:30 Uhr: Wir haben es geschafft. Gerade noch rechtzeitig vor der Dunkelheit!

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